Gibt es diskriminierungsfreie Beurteilungsinstrumente?

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Sigi Arnade
Beiträge: 1
Registriert: 30. Apr 2020, 17:36

Gibt es diskriminierungsfreie Beurteilungsinstrumente?

Beitrag von Sigi Arnade »

Mit „Beurteilungsinstrumenten“ sind hier verschiedene Fragebögen, Items, Indices, Skalen, Scores etc. gemeint, die zur Klärung einer bestimmten Fragestellung herangezogen werden. Im Zusammenhang mit Priorisierungs-Entscheidungen werden solche Instrumente eingesetzt, um beispielsweise Kriterien wie „Dringlichkeit“, „klinische Erfolgsaussicht“ oder die „erwartbare (subjektive) Lebensqualität“ zu messen.

In diesem Forum sollen existierende Instrumente unter die Lupe genommen und diskutiert werden. Jedes Instrument ist von Menschen geschaffen worden und spiegelt somit möglicherweise die Vorurteile und Einstellungen der Erfindenden wider. Dass Instrumente nicht zeitlos und neutral sind, zeigt sich beispielsweise an der massiven Empörung, auf die die Clinical Frailty Scale (Gebrechlichkeitsskala) bei behinderten Menschen gestoßen ist. Sie wird von den sechs medizinischen Fachgesellschaften und der Akademie für Ethik in der Medizin als eines von mehreren Instrumenten zur Erfassung des Kriteriums der klinischen Erfolgsaussicht benannt.

Welche Instrumente sind in unserem Diskussionszusammenhang relevant?

Wie sind diese aus menschenrechtlicher Sicht zu beurteilen?
Lippmann
Beiträge: 1
Registriert: 28. Mai 2020, 13:20

Re: Gibt es diskriminierungsfreie Beurteilungsinstrumente?

Beitrag von Lippmann »

Es gibt keine „diskriminierungsfreie“ Diskriminierung

Ausgehend von dieser Grundüberlegung würde es genügen, die Ausgangsfrage kurz und bündig mit „Nein!“ zu beantworten.

Es erscheint mir jedoch sinnvoll, die entsprechenden Überlegungen kurz zu erläutern:

Es ist klar, dass das Verb „diskriminieren“ im Deutschen negativ konnotiert ist: Wer diskriminiert wird, der wird ‚zurückgesetzt‘, ‚benachteiligt‘ usw. – Im Englischen ist das anderes: Die korrekte Übersetzung für „to discriminate“ lautet schlicht „unterscheiden“.
Nun geht es nicht darum, vor der Frage in Fremdsprachen auszuweichen und Überlegungen zur Wortgenese helfen zweifellos nicht immer. In diesem Fall machen sie jedoch eines deutlich: Die „Diskriminierung“, im Sinne von „Unterscheidung“ ist geradezu der Wesenskern der Triage.

Dabei ist davon auszugehen, dass in Ausnahmefällen triagiert wird: Die zur Verfügung stehenden Ressourcen reichen dann nicht aus, um jeden bestmöglich zu betreuen, der dieser Betreuung akut bedarf.: Wenn z. B. fünf akut beatmungsbedürftige Patienten in ein Krankenhaus eigeliefert werden, aber nur ein Beatmungsgerät vorhanden ist, ist eine diskriminierende Situation (auch im deutschen Wortsinne) gegeben: Die Ärzte können dann (ganz unabhängig von ihrer Anzahl und ihrem Geschlecht) nur noch entscheiden, welcher Patient beatmet werden soll, was immer auch heißt, dass die vier anderen nicht beatmet, also diskriminiert, werden.
In einer solchen Situation wäre ich als Arzt froh, Patienten über „objektive“ Kriterien von der Behandlung ausschließen zu können. – Hierfür bietet sich eine Behinderung immer an, und zwar unabhängig davon, was wir in irgendwelche klugen Papiere hineinverhandeln können oder nicht.
In der beschriebenen Eins-zu-Fünf-Situation wird der Arzt für sich einen Grund haben, wieso ein Patient das Beatmungsgerät schon einmal nicht bekommt: Er muss ja nicht einmal zugeben, dass es an der Behinderung des Behinderten liegt. – Ganz sicher hat der z. B. auch so schwache Lungen, dass die Beatmung ihm sowieso nichts hülfe. Welches Argument könnte sachlicher sein? – Muss alles nicht stimmen. Aber wie sollte der Arzt das, selbst bei bestem Willen, herausfinden, in drei bis fünf Minuten?

In Wirklichkeit ist die Lage aber noch komplizierter: Schließt der Arzt, im besten Bemühen um Objektivität, den Menschen mit Behinderung an die Beatmung an, sterben halt die vier anderen. Das muss uns klar sein. Mir jedenfalls, der ich selbst zu 100% schwebehindert bin und an meinem Leben hänge, ist es klar.
Und jeder der vier „Aussortierten“ könnte fragen. ‚Wieso hat der das Gerät bekommen, nicht ich?‘ – Dabei ist es übrigens völlig gleich, wer das Gerät wirklich kriegt: Der- oder diejenige hat eben ein bisschen Glück gehabt, in seinem Elend, die anderen nicht.

Es kann deshalb gar nicht unsere Aufgabe sein, die Triage-Kriterien so auszuklügeln, dass sie sich lesen, als hätten behinderte Menschen auch eine Chance. – Im Ernstfall würden diese Kriterien ‚über Bord gehen‘ und wir mit ihnen.
Wir versagen, wenn wir nach Möglichkeiten suchen, unsere Mitmenschen ‚im großen Triage-Wettbewerb‘ hinter uns zu lassen! Wir brauchen das, was alle hier brauchen: Ein Gesundheitswesen in dem nie triagiert werden muss. Alles andere ist einer humanen Gesellschaft unwürdig!
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